30°C Außentemperatur, mindestens genauso schwülwarm in der Aula, 220 Sitzplätze, 34 Schülerinnen und Schüler auf der Bühne, zwei nervöse Leiterinnen und Leiter der Theater-AG und ein Thema, bei dem man schon automatisch Angstschweiß bekommt. „Das Experiment“. Nach dieser beeindruckenden Premiere am 18.6.26 haben bei Theaterstufen das Stück angemeldeten Klassen vormittags sowie an zwei weiteren Abenden einem größerem Publikum vorgespielt.
Mit diesem Theaterstück haben sich die AG der Ober- und Unterstufe der St. Raphael-Schulen unter der Leitung von Sarah Hornung und Steffen Englert auf ein historisch wie aktuelles brisantes Terrain begeben. Ein Theaterstück, aus dem man Angst, Hoffnung und Zuversicht gewinnen kann und bei dem einem selbst der Spiegel über das eigene Gedankengut vorgehalten wird.
Der Geschichtskurs einer Kursstufe behandelt unter seinem Geschichtslehrer Ben Ross, sehr authentisch von Nele Herrmannspahn (KS1) gespielt, das Thema Nationalsozialismus. Der Kurs bildet ein breites Abbild der Gesellschaft, von isolierten, gut integrierten, desinteressierten und motivierten Schülerinnen und Schülern. Ben möchte seinen Kurs motivieren und kreiert so ein Experiment, in dem er eher als Offizier und Anführer denn als Lehrer agiert. Dies führt dazu, dass sich der Kurs zunächst mehr denn je als Gemeinschaft kennenlernt, insbesondere der vorher nicht akzeptierte Robert, eindrucksvoll von Erik Hansen (KS1) verkörpert, findet seine Rolle. Der Kurs findet für sich Slogans, Symbole, Rituale, Kleidung, Mitgliedsausweise und die Prinzipien Disziplin, Gemeinschaft und Aktion und benennt sich in „Die Welle“ um. „Die Welle“ überzeugt auch jüngere Schülerinnen und Schüler und die Mitgliederinnen und Mitglieder folgen nahezu blind ihrem Lehrer Ben. Die Theater-AG der Unterstufe, die diese Schülerinnen und Schüler spielt soll an dieser Stelle besonders gelobt werden. Sie haben Gefühle und Stimmungen verstärkt und dies sehr überzeugend dargestellt. Die Vorgehensweise der Welle steigert sich in der Frage, wer (nicht) dazugehört, über eine Ideologisierung der Gruppe bis hin zu Schlägereien und Ausgrenzung von Leuten, die nicht dazugehören wollen. Ben verliert die Kontrolle und die Gruppe gerät in eine Dynamik, die ihre Mitgliederinnen und Mitglieder immer extremer werden lässt. Auf der anderen Seite stellen sich couragierte Personen der Bewegung in den Weg. Christine Ross, Bens Frau und ebenfalls Lehrerin an derselben Schule, verängstigt und wütend von Sophia Aprill (10c) gespielt, überzeugt ihren Mann, dass es nicht so weiter gehen kann, nachdem Robert sich als Leibwächter vor ihr Haus stellt und sie kontrollieren möchte. Die Schülerin Laura (Alia Stille, KS2) und Alex (Aisling Browne; KS2) und werden mit der Zeit immer skeptischer, leisten passiven Widerstand indem sie Treffen der Welle boykottieren sowie aktiven Widerstand, indem sie in der Schülerzeitung einen kritischen Artikel über „Die Welle“ veröffentlichen und bei einem Fußballspiel der Schule Flyer mit der Aufschrift „Nie wieder ist jetzt“ verteilen. Ein weiterer Wendepunkt ist die Trennung und der gewalttätige Streit zwischen Laura und ihrem Freund David (Greta Hauck, KS2), der ihn zum Nachdenken anregt und mit einem Besuch bei ihrem Geschichtslehrer diesen auch zum Umdenken bewegt. Auf einer öffentlichen, schulübergreifenden Versammlung begreift Ben einerseits, dass seine Idee funktionierte, indem er seinen Kurs von der Thematik begeisterte, andererseits sieht er aber auch ein, dass das Experiment außer Kontrolle geriet und sich immer mehr extremisierte.
Das Theaterstück „Das Experiment“ zeigt uns, wie wichtig es ist, sich für andere einzusetzen und wie schnell Leute in einen fatalen Gedankenstrudel kommen können, der für jede Gesellschaft gefährlich werden kann, wie der stellvertretende Schulleiter Tobias Kampmann erwähnte. Sarah Hornung und Steffen Englert, zusammen mit den 34 Schülerinnen und Schülern der Theater-AG der Ober- und Unterstufe, der Technik-AG von Manuel Martin, die für passenden Ton und Beleuchtung sorgte, ist es gelungen, uns viele Spiegel vorzuhalten. Den historischen Spiegel, dass wir die Gräuel der NS-Zeit nicht vergessen dürfen, wenn auch die letzten Zeitzeugen in naher Zukunft versterben werden. Den aktuellen Spiegel, dass das Aufkommen extremistischer Positionen weltweit zu einem Wanken der Demokratie sorgt. Aber auch den persönlichen Spiegel, dass wir alle individuell etwas gegen diese Tendenzen und gegen das Vergessen machen können. Die Zuschauerinnen und Zuschauer applaudierten nach diesem inhaltlichen und schauspielerischen Spektakel mit Standing Ovations . Wir alle sagen „Danke“ für diese tolle Premiere und die mit einhergehende Möglichkeit für persönliche Reflexion!
Text: Kenji Kalverkamp (KS1), Christian Spermann
Fotos: Dr. Thomas Löffler de Carvalho







